Worte sind reife Granatäpfel. Eine Betrachtung

Hier lesen Sie das Vorwort zu meinem zweisprachigen Gedichtband
“Wo das Licht wohnt / Dove abita la luce”,
erschienen 2014 im Catanesischen Verlag Prova d’Autore.

„Worte sind reife Granatäpfel“ – diesen Vers der Dichterin Hilde Domin hatte ich im Gepäck, als ich am 5. April 2011 ohne Rückticket in den Süden flog. Und sie, die Gedichte als „magische Gebrauchsartikel“ bezeichnete, erschien mir in meinem ersten sizilianischen Traum, kam lachend auf mich zu.
Damals ahnte ich nur, dass ein „neues Leben“ in mir auftaucht. Ich spürte, dass „etwas“ unwiederbringlich zu Ende gegangen war. Ich spürte es mit Schmerz und gleichzeitig mit der Freude des Neubeginns. Ich war 52 Jahre, hatte bereits ein volles Leben gelebt. Ich las damals oft die Zeilen Hermann Hesses aus dem Gedicht „Stufen“: „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise/ Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“.
Heute weiß ich, warum der letzte Text meines Gedichtbandes „an den rändern der tage“ (2010) gewischter himmel ist: Darin lag schon das Hinausgehen, das Vertrauen auf viel Größeres als ich es bin. Im Jahre 2007. Jetzt, 2014, ist der „gewischte himmel“ das Eingangstor zu „Wo das Licht wohnt“.
Ich, die die Worte liebe wie meine Kinder, habe sie zu meiner Profession gemacht. Studierte Germanistik und Slawistik, promovierte in den Literaturwissenschaften und lehrte 20 Jahre an deutschen Universitäten. Seit 2005 bin ich freiberufliche Autorin. Poesie und literarische Reisereportage, Reiseskizze und -tagebuch, kreative und biografische Schreibwerkstätten, literarische Reisen, poetische Spaziergänge und Lesungen an besonderen Orten, das sind Facetten meiner künstlerischen Arbeit. Ich liebe das Unterwegssein und schreibende Entdecken, das Lebendigmachen von Texten, ihr Hinaussprechen in die Welt! Eine Lust in der Begegnung, ob in Weimar, Rom, im Tessin, an der Elbe, Ostsee … So kam ich hier an, zwischen Ätna und Meer: mit großer Freude, Neugier, Leichtigkeit, Augen und Herz geöffnet.”
Und ich erntete wirklich Granatäpfel! Das hatte ich nicht erwartet. Zum ersten Mal in meinem Leben. Und nicht nur das. Es waren auch Feigen und Mandeln und Maulbeeren … Manchmal erschien mir alles wie ein Wunder: Ein tiefes Weinen und ein Erwachen.
In bin dankbar für die vielfältigen Elemente meines sizilianischen Lebens: für das Donnern des Vulkans Ätna, an dessem Fuße ich leben darf; für die Fülle und Stille der Ätnawiesen, die ich täglich Schritt für Schritt mit meinem lieben Hund Rocky durchstreife; für die weiten endlosen Himmel über der schwarzen harten Erde, die mir eine Vorstellung von einem kosmischen Blau geben wie auch für die Wellen des türkisfarbenen Meeres, das mich reinigt und immer wieder an das Kommen und Gehen, an Bewegung erinnert. In dieser Natur entstehen meine Gedichte: Poesien aus den Elementen. Zum ersten Mal in meinem Leben fotografierte ich. Tausende von Fotos, die die Schönheit dieser Insel, ihre tiefe Seele zeigen.
Ich fühlte mich als Fremde lebendig verbunden mit allem. Und kam mir selbst in der Fremde näher. Ich sah hier, beim Entdecken der archaischen modernisierten Insel, noch einmal mein vergangenes Leben: Meine Kindheit auf dem Lande in Thüringen, mein Wachsen in der DDR – ich war 30 Jahre, als das Land sich auflöste – meine Universitätskarriere, die ich freiwillig ließ, um meine eigene Sprache zu finden, mein Familienleben mit Kindern und Männern, den Übergang in das gesamtdeutsche Leben, die Globalisierung, die enorme Beschleunigung und mediale Vernetzung in den letzten zwei Jahrzehnten. Viele Leben, so scheint mir. Sizilien ist für mich wie ein Schmelztiegel unserer heutigen Zivilisation oder Nicht-Zivilisation. Ich höre die alten Stimmen und die neuen Töne. Doch das ist Thema eines neuen Buches: Meine Reiseeindrücke. Ich habe Deutschland und Italien in den drei Jahren mehrmals alleine und langsam von Nord nach Süd und Süd nach Nord durchquert: Meine italienische Reise. Mein Wandeln auf eigenen Pfaden.

Und ich tat dabei einen großen Schritt:
Ich ging hinaus aus all dem kollektiven Erleben, aus allem Bisherigen, Vorgezeichneten, den Wertungen, gelernten Mustern. Gab meiner Seele Raum. Atem. Und spüre dabei immer deutlicher: Wir sind hier, ich bin hier, um Freude zu leben: Mein Licht scheinen zu lassen, wie Nelson Mandela es sagte. Und es ist nicht leicht, das zu tun, sich dahin zu wenden „Wo das Licht wohnt“ und sich damit auch dem eigenen Schatten zu stellen. Doch es ist möglich! Ja.
Und man trifft dabei immer Weggefährten. So bin ich dankbar für all die Begegnungen. Ich danke meinem Freund Santo und dem wunderbaren Hund Rocky; ich danke meiner Pferdefreundin Petra und meiner Rosefreundin; meiner Freundin Susann, die mir einen tüchtigen Mut und die Worte „Mache dich auf und werde licht“ mitgab; ich umarme meine Malerfreundin Verena sowie Beata, Brigitte und Anna in Berlin herzlichst; Hilde in Belpasso und Gisela in Pedalino; ich danke Eli, die mir 2004 half, immer mehr an mich selbst zu glauben; mein Gruß geht entlang der Elbe zu Riele und Andreas, Marion und Raul, Ulrike, Tina, Ute und Iris; ich grüße meine Freunde Ellen und Roland an der Ostsee; Helga und Elke in Bayern, Emilia in Klagenfurt, Federica in Aci Catena, Susanna in Ficarazzi und Susanne in Basel und ich umarme von Herzen Marieke und Dafne, meine Freundinnen in Siracusa. Meine Gedanken wandern liebevoll zu meinen Eltern in Thüringen, die mir einst das Leben schenkten. Und ich bin dankbar für all die spontanen Begegnungen mit sizilianischen Menschen, die mir eine Ahnung erlauben von ihrem Leben auf dieser so schönen und so verletzten Insel mit dem knisternden weinfarbenen Meer.
Ich danke besonders und von Herzen meinen Poetenfreunden Davide Aricò und Salvatore Sciuto. Salvatore war es, der mit viel Einfühlung und Hingabe erste Übersetzungen meiner Gedichte schrieb. Und ich fand in Sarina Reina in Triest eine Übersetzerin, die mich zu lesen versteht. Danke, liebe Sarina!

Ich widme diesen Gedichtband „Wo das Licht wohnt“ in Liebe meinen Söhnen Max und Paul und deren Freundinnen Sabrina und Theresa. Schön, dass es euch gibt! Ihr schenktet mir 2010 die CD „Le Pop“ der Frauenband „Katzenjammer“ und sagtet: „Und nun mal ab!“ Ja, ich hab’s gemacht.
Habt auch ihr Mut!

Denn es ist die Liebe, die uns trägt und wachsen lässt. Die bedingungslose Liebe, die Öffnung zu allem, in jedem Moment: Zur Pinie und den Vögeln, zu den Hunden und Schafen, zum Mond und zur Sonne, zu den so archaischen und mir tiefen Frieden gebenden Bergen Siziliens, zur Elbe und den Birken im Norden, zum Lächeln des Kindes auf der Piazza, zum unbekannten zahnlosen Alten, der mir für Momente Lebensreisegefährte ist …Begegnungen ohne Angst. Ohne Hast. In Hingabe an den eigenen Weg.
Und dazu ist es notwendig, das Herz zu reinigen von aller Depression, von aller Macht, von so viel Mangel, Scham, Konkurrenz, Druck und Kampf, der in unserer Geschichte und in unseren Geschichten wohnt. In Deutschland und auch hier. Und dass ich das heute in Ruhe am 9. November schreibe – vor 100 Jahren tobte der 1. Weltkrieg, vor 76 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen, vor 25 Jahren öffnete sich die Berliner Mauer – auch das ist ein Zeichen. Diese Geschichte ist vorbei. Frieden in unseren Herzen ist möglich! Frieden aus Liebe und Selbstvertrauen, die wachsen und nach außen strömen:
„Im warmen Lächeln meiner Haut atmet der Duft der Liebe“.

So gebe ich 56 Gedichte in deutsch und italienisch sowie 7 Texte nur in italienischer Sprache auf die Reise. Wer blättert, der wird auch 9 Fotografien finden. Im Licht des Vulkans entstanden sind die Bilder geboren aus der Schönheit des Augenblicks. Aus der Tiefe des Moments.

Es ist wahr, was die Dichterin Domin über den sich öffnenden Granatapfel schreibt: „Es wird alles Innre nach außen gekehrt/ die Frucht stellt ihr Geheimnis bloß/ zeigt ihren Samen/ ein neues Geheimnis“. Mir selbst war es seltsam, was da aus mir kam. Eine andere Sprache.
Nives Levan und Mario Grasso, die Verleger von „Prova d’Autore“, reichten mir sofort die Hand zu diesem Band, so dass auch „meine Granatäpfel“ mit ihrem Samen auf den „Marktplatz des Lebens“ kullern. Herzlichen Dank dafür!
Meine Gedichte sind immer aus der Begegnung mit den Elementen, dem Lebendigen entstanden. Nicht am Schreibtisch. Sie schreiben sich beim Gehen in mich ein. Ganz fein. Ganz leicht. Sie sind meine gelebte Spiritualität. Magie zum Gebrauchen. Sie sind Schritt und Atem. So endet auch der Band mit dem Gedicht „La bellezza di un momento“ und dem Vers:

Tra inspirare ed espirare/ scorre/ solo un soffio.

Heidrun Adriana Bomke, Contrada Monte Arso, Ätna Süd am 9.11. 2014

foo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 + 5 =