“Die Begegnung” – Zum neuen Jahr

Schreibreise Punta Secca_Heidrun Adriana Bomke


Liebe Leserinnen und liebe Leser meines Lebensreiseblogs!


Wir schreiben den 2. Januar 2022.
Ich wünsche Euch allen ein neues Jahr voller Wandel, Wärme & Liebe, voller Begegnungen, Hoffnungen & Freuden, voller Natürlichkeit, Weite & Freiheit und voller Vertrauen & Verbundenheit!
Dann bleiben wir auch gewiss als Menschen gesund oder gesunden wieder!

Ich grüße meinerseits mit einer lebensleichten Geschichte. Sie heißt:

Die Begegnung

Eine ganze Weile hatte er mit dem Gedanken gespielt, seinem Verlangen nachzugehen und sich hinter der gelben Hausecke vor der Bar zu verstecken. Kommt sie, diese Frau? Jeden Morgen hatte er sie beobachtet. Wie sie über die sonnenweiße Piazza lief. Es war einfach schön, sie anzusehen. Sie schien das schon warme Sonnenlicht zu trinken. Beinahe war sie noch ein junges Mädchen. Aus den Augenwinkeln sah er ihre schlanken Beine, ihren wippenden Schritt, mit dem sie dem Meer zuflog wie der weiße Reiher, der unweit auf den Steinen landete. Vielleicht war es ja albern in seinem Alter, doch er konnte nicht anders als verliebt lächeln. Beide waren sie wohl Frühaufsteher. Er liebte es, sich im ersten Sonnenschein vor dieses ebenerdige Appartment am südlichen Meer zu setzen, an einem wackeligen weißen Plastiktisch Espresso zu trinken und noch halb schlaftrunken die ersten Worte in den Laptop zu tippen. Und so bemerkte er, wie er anfing, auf sie zu warten. Würde sie wieder kommen, wie gestern auch? Und so kam sie allmorgendlich beinahe auf ihn zugelaufen. Allerdings ohne ihn zu bemerken. Einmal hatte er sich ein Herz gefasst und sie angesprochen, als sie dicht an ihm vorbeispazierte. Ist schön, so zu spazieren!, hatte er wie beiläufig dahingesagt. Si si gab sie, kaum überrascht, zur Antwort. Dabei war es geblieben. Er sah sie immer nur morgens. Für den Rest des Tages verschwand sie.

Bis eben heute Nachmittag. Er hatte nach dem leichten Regen sein Buch gepackt und war zum Weststrand gegangen, wie an jedem anderen Tag auch. Windig war es etwas. Er hielt sich die Hand schützend vor’s Gesicht. Dann sah er sie sofort im Sand liegen und lief einfach zu ihr, lächelte sie mit seinen bezaubernden grünen Augen an und bat um ein Plätzchen direkt neben ihr. Schon morgen würde er abgereist sein. Hatte sie ihn erwartet? Sie duzte ihn und fragte sogleich nach seinem Namen. Dann rief sie ganz impulsiv im Aufstehen: „Forza!Forza!“ Dieser kraftvolle Ruf überraschte ihn. Er schaute sie belustigt an. Und dann rannten sie beide wie auf Kommando übermütig in die Oktoberwellen! Sie schwamm völlig ohne Hemmungen, hingegeben an das noch warme bewegte Meer. Dann lagen sie wieder fast nackt und tropfend nass nebeneinander, als sei das schon immer so gewesen. Und wie immer lud er sie also zum Aperetiv ein. Prendiamo un drink stasera? Sie antwortete wieder dieses kurze Si si!

Auf die Minute pünktlich kam sie um die gelbe Ecke des Hauses. Und dann saßen sie, er mit einem hellblauen Pullover und sie in einem türkisfarbenen Gewand, in der blauen Stunde, ließen die mit Prosecco gefüllten Gläser klingen und tranken voller Verliebtheit auf dieses winzige Meeresfleckchen unter dem Leuchtturm. Die zarte Berührung ihrer weichen goldbraunen Haut mit seinen Fingerspitzen. War sie irritiert? Sie schien ihm seltsam fern und gerade dadurch von einer magischen Anziehung. War sie etwa schüchtern wie er auch? In allem wirkte sie irgendwie wie eine Pflanze. Alles war in natürlicher Form. Der leichtgeschminkte Mund, die langen Haare im warmen Abendwind, die Finger, die das Glas hielten, ihre leichten Worte, denen er lauschte. Der Kellner hatte seine Freude an ihnen und beobachtete sie schmunzelnd aus dem Innenraum der Bar. Als die Gläser geleert, waren sie beide etwas verlegen. Er zahlte und lud sie noch auf einen Spaziergang ein. Facciamo due passi. Gemeinsam schlenderten sie zum nun dunklen Strand. Schauten in die Sterne. Wie man das eben so macht. Er sprach von Kometen und sie sah in diesem Himmel das ganze Leben.

Und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn sie nicht plötzlich, urplötzlich davongelaufen. Einfach so davongelaufen. Nur für einen winzigen Augenblick blieb er verblüfft zurück. Wirklich verwundert war er jedoch nicht. Ihr blaues Gewand leuchtete ihm noch einmal im Meeresmondschein, den die Laternen seltsam bespiegelten. Der nicht mehr ganz junge Mann ging die wenigen Meter zu seinem Appartment und begann nach einigem Zögern seinen Koffer zu packen.
Und so war alles gut. Überraschend gut.

© Heidrun Adriana Bomke – Weitergabe bitte nur mit meiner Zustimmung

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